Bildung …

Gastartikel von Gabriele Fraisl

von E.Bartsch
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… ein Wort, bei dem viele Gedanken in meinem Kopf entstehen: Schul – BILDUNG, Fort – BILDUNG, Weiter – BILDUNG, Aus – BILDUNG, Ein – BILDUNG (der letze Begriff ist mir nicht zufällig über die Tastatur entkommen.)

Derlei Wortspielereien ließen sich noch unendlich fortsetzen. Doch es soll heute um die Bildung im Allgemeinen gehen.

Doch um noch einmal auf den Begriff Einbildung zurückzukommen, kann es sein, dass auch im Bereich Bildung nur mehr die sogenannte Elite erwünscht ist? Dass immer mehr darauf geachtet wird, „hochzuzüchten“, ohne dem Bewusstsein, dass dies schon aufgrund der Individualität der Menschen absolut unrealisierbar ist. Ist es (m)eine Einbildung, oder will sich da wieder die gewisse Spreu vom Weizen trennen?

Folgt man den momentanen Medien, dann ist Matura und ein Studium unerlässlich, sonst ist man „nicht“ interessant für den Arbeitsmarkt. Pflegepersonal mit Matura, KFZ Techniker mit Abitur, bei fast jeder Lehrausbildung kann man sich mittlerweile für einen höheren Abschluss entscheiden.

Doch meine Frage: „Macht das wirklich Sinn?“

Wo bleiben dann die MitarbeiterInnen, die mit HERZ und SEELE ihren Beruf ausüben? Was passiert mit jenen Schülern, die sich prinzipiell schwer tun mit dem Lehrstoff in der Pflichtschule, aber begnadete Tischler oder exzellente Automechaniker (dieser Begriff ist bereits in Vergessenheit geraten) sind?

Werden all jene, für die Pythagoras und Hypotenuse einen „Hirnkrampf“ bedeuten, von der Bildfläche verschwinden? Oder die Menschen, für die Ausdrücke wie Adjektiv oder Präposition nach einer Fremdsprache klingen, als geistig behindert eingestuft?

Was passiert in unserer heutigen Gesellschaft mit Leuten, die viele exorbitante Talente besitzen, jedoch nicht gut in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch oder Englisch sind? Dieser laute Schrei nach Bildung lässt eines völlig außer Acht, nämlich, dass Menschen individuelle Wesen sind, mit sehr vielschichtigen Begabungen und Fähigkeiten.

Das Schulsystem wurde seit zig Jahren nicht mehr geändert, drei Hauptfächer, die maßgeblich die Kriterien bilden für den weiteren Karriereweg, der Rest … UNWICHTIG!

Dabei ertappt man sogar Lehrer, die scheitern oder vielleicht auch ganz woanders ihre Talente verborgen halten.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den ersten Schultag eines meiner Kinder. Wir wurden alle in die Klasse gebeten, im Raum hing ein großes WILLKOM-EN mit einzelnen, bunten Buchstaben gestaltet. Vergeblich suchte man nach dem zweiten „M“ in diesem Begrüßungswort. Wie man im Laufe der Zeit feststellen konnte, handelte es sich hier nicht um eine Ausnahmesituation, denn alle folgenden verfassten Mitteilungen dieser Lehrerin strotzten vor Rechtschreibfehlern. Vielleicht hätte sie sich in einem anderen Beruf auch wohler gefühlt, wer weiß.

*Gerade merke ich auch, wie schwer es mir eigentlich fällt, über dieses Bildungsthema zu schreiben, denn es gäbe so viel zu sagen. So viel zu fordern, so viel zu hinterfragen. Aber hier gilt scheinbar: „Never change a running system“. Was läuft, das läuft.

Nur GEBILDETER müssen die Menschen schon noch werden. HACKLER, so wie früher, werden nicht mehr gebraucht!  Doch wohin führt unser dieser „BIldungs-Hype“, der nur in Richtung der Magister, Doktorinnen etc. hinzudeuten scheint? Wie sieht es bei all dem Bildungswissen mit emotionaler Intelligenz aus? Was ist mit Empathie, Gespür für das Gegenüber, Einfühlungsvermögen oder echter sozialer Kompetenz?

All diese Begriffe kommen nicht vor in unseren diversen Schulsystemen, sind nicht relevant. Und ehrlich, man merkt es dieser Gesellschaft mittlerweile auch an. Der Umgangston wird rauer, Vertrauen findet man kaum noch, die Gewaltbereitschaft nimmt zu, Anonymität ist immer mehr gefragt.

Das große Wort „Gemeinschaftsgefühl“, das Alfred Adler (Arzt und Gründer der Individualpsychologie) geprägt hat, ist kaum noch zu finden. Passend zum Thema ein Zitat von ihm: „Wer sich für die Gemeinschaft engagiert, der erlebt die Heilung vieler Wunden von selbst.“

Andererseits, was will man denn von einem Bildungssystem und einer Politik erwarten, die lautstark immer mehr Akademiker fordern und dabei auf den Menschen als solchen völlig vergessen?

Möchte ich im hohen Alter von jemanden gepflegt werden, der zwar maturiert hat, mit der Technik sämtlicher medizinischer Geräte vertraut ist, die Medikamenteninhalte und Zusammensetzungen fehlerlos herunter referieren kann, aber nicht spürt, dass ich vielleicht traurig bin, mich einsam fühle? Definitiv NICHT – NEIN DANKE!

Oder möchten Sie ihre Kinder in der Betreuung einer Pädagogin wissen, die ein meisterhaftes Diplom hingelegt hat, aber Gefahren im Alltag nicht erkennen kann? Ich glaube nicht!

Ich möchte mit einem weiteren Beispiel am Ende vielleicht noch ein bisschen deutlicher machen, dass Bildung überhaupt nicht nur auf theoretischem Wissen aufgebaut werden kann, sondern dass es viel, viel mehr braucht, um in einem Beruf richtig GUT zu werden.

Vor Jahren hielt ich ein Einführungsseminar für Menschen, die sich für eine Lebens- und SozialberaterInnen-Ausbildung interessierten. Ein Teilnehmer unterbrach mich ständig mit der immer gleichen Frage, was es denn für Lektüre zu den einzelnen Themen während der Ausbildung gäbe. Meine Antwort, dass wir natürlich eine sehr ausführliche Literaturliste bereitstellen, wenn die Ausbildung beginnt, reichte ihm scheinbar nicht. Er fragte immer wieder nach dem theoretischen Hintergrund in Form von Fachbüchern.

Schließlich hatte ich durch diese ewigen Unterbrechungen einen Punkt erreicht, wo sich meine Geduld dem Ende zuneigte. Ganz spontan fragte ich diesen Interessenten nach seinem momentanen Beruf. Er war Behindertenbetreuer.
Darauf hin stellte ich ihm nur eine Frage: „Wenn einer Ihrer betreuten Personen plötzlich beim gemeinsamen Kochen wild mit einem Messer herumfuchtelt und die Situation für andere Menschen gefährlich werden könnte, REAGIEREN Sie oder suchen Sie nach der entsprechenden Literatur, wo Sie Anweisungen finden, mit solch einer Situation umzugehen?“ Ab diesem Zeitpunkt konnte ich ohne weitere Unterbrechung meinem Vortrag zu Ende bringen.

Bildung ist wichtig, keine Frage.
Aber ich wünsche mir Individualität, das Eingehen auf Fähigkeiten und Talente und vor allem, dass soziale Kompetenzen als ein Hauptfach in Ausbildungen gelehrt werden. Dass Bedürfnisse und Charakterstärken der Schüler erkannt und gefördert werden. Dass Motivation eine Rolle spielt und dass Lehrer ebenfalls nach ihren Stärken agieren dürfen.

Und zusätzlich wünsche ich dieser Welt, dass Menschen wieder miteinander agieren und nicht aufgrund von einem angeblich „fehlenden“ Intellekt abqualifiziert werden. Intuitive Intelligenz wird leider absolut unterschätzt. Doch die Welt wird wirklich weise Menschen immer dringender brauchen.

In diesem Sinne:
„Gesunder Menschenverstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber kein Grad von Bildung den gesunden Menschenverstand.“

Oder wir gebildeten Menschen nehmen uns einfach ein Beispiel an der Natur:
„Rein physikalisch kann eine Hummel aufgrund ihrer Größe und ihres Körpergewichtes NICHT fliegen. Die Hummel weiß das aber nicht.“


Sie fliegt einfach!

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