Auszug aus der Novelle „Sternbild Trieb-Werk“

Literarisches von Dietmar Schmidt

von E.Bartsch
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„Du machst mir Angst“, sagte ich zu ihm, nahm seine drei Hunde an die Leine und ging mit ihnen spazieren. Der Abend war frisch geworden. Eben ein Spätsommerabend wie aus dem Bilderbuch.

Dietmar Schmidt

Ich traf Mike und seine Besitzerin ganz zufällig einige Blocks weiter in Richtung Westen. Dort war eine Art Hundewiese oder Auslaufplatz. Eingezäunt und von dicken Stacheldraht-Begrenzungen umgeben. Mike war dieser liebe, aber doch sehr aggressiv wirkende Dobermannbube mit spitzen Ohren und dem kurzen, tiefschwarzen Fell. Patricia war das junge Frauchen von Mike. Sie küsste mich zur Begrüßung links, dann rechts und dann zum dritten Mal wieder links auf die Wangen. Ich erwiderte diese Pseudoküsse, indem sich meine Lippen den ihren näherten. Sie fuhr mit ihrer Hand dazwischen und sagte, „Stopp, halt, mein Lieber, das muss man sich erst verdienen.“ Ihre funkelnden, blautürkisen Augen fixierten mich und ich hielt stand. „Lass die Hunde herumtollen und erzähl mir, was es Neues gibt, Robin. Warum geht der Guido denn nicht mit seinen Hunden spazieren?“, so ihre Worte. Ja: Robin, das ist mein Name und nur zur Erklärung: Batman ist nicht mein Stiefvater. Also unterlasse bitte ein schäbiges Lachen, liebe lesende Person. Weiter in meiner Erzählung: „Dem Guido geht es nicht so gut. Der hat Schnupfen“, sagte ich zu Pat. „Wie ist das möglich, hat er seine Maske nicht getragen?“, fragte die fesche Hundeführerin und lachte laut. Ich wusste keine Antwort auf diese Frage und schwieg. Feiner Schnee fiel nun vom Himmel, bedeckte unsere Häupter und färbte den Betonboden in ein farbloses Weiß. Es hatte sich viel verändert. Früher, als ich ein Kind gewesen war, schneite es nur im Winter, aber die zunehmende globale Erwärmung, die atomaren Unfälle und auch die Nachwehen des dritten Weltkrieges waren nicht spurlos an der Natur, der Umwelt vorübergegangen. Es begann immer öfter an Sommertagen zu schneien. Es war keine Seltenheit mehr. Schnee fiel vom Himmel und blieb trotz warmer Temperaturen am Boden und überall anderswo liegen. Ja, die Welt hatte sich verändert und die Menschen, die in ihr lebten, wurden, mir scheint, ebenfalls einer Wesensänderung unterzogen. Vielleicht hätte man nur alle dehypnotisieren müssen. Wenn das möglich gewesen wäre. Wer wusste das schon? Im Nachhinein waren dann alle immer klüger und sagten: „Hätten wir dies und das anders gemacht, dann wäre es nie so weit gekommen.“

Ich konnte Patricia nicht viel Neues erzählen, da es nichts zu berichten gab. „Alles ist beim Alten geblieben, aber ich würd dich so gern lieben“, sprudelten die Worte aus meinem Mund heraus und fanden bei der süßen, jungen Frau kein Pier zum anzudocken. „Ein andermal“, erwiderte sie, zwinkerte mir zu und unsere Wege trennten sich. Ein Gefühl der Einsamkeit schlich sich tief in mein Herz, um dort zu verharren. „Kommt, gehen wir, meine Hündchens“, rief ich und wir gingen zurück Richtung Nachbars Haus. Der Schnee fiel zunehmend stärker und besiedelte links und rechts an den Straßenseiten alte, kaputte, teilweise ausgebrannte Autos, die Kirchturmspitze des Doms, den ich zu soeben passierte und weitere Häuser, die ich beim Gehen wahrnahm. Wir kamen zum großen Platz, an dem vor meiner Zeit Menschen als brennende Fackeln herumgelaufen waren, um Widerstand zu signalisieren. Ihre Bilder in Form von Porträts am Boden in Stein installiert und Einschusslöcher der Panzer aus dem Jahr 1968 in den Mauern des Nationalmuseums waren immer noch zu sehen. Als Mahnmal einfach so gelassen. Als eine Warnung. Niemals wieder Kriege, die alle ohne Sinn für jeden Einzelnen waren. Der Friede sollte immer großgeschrieben werden. So viel Leid und Tod durchzogen die Geschichte der Menschheit und jetzt sei Schluss damit – so hatten es die Häupter der europäischen Union, damals gesagt und Verträge gegen Gewalt, Krieg und Aufrüstung abgeschlossen. Trotzdem kam alles ganz anders …

 

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