Ist Arbeitsplatz-Beschaffung asozial?

Text: CoKa

von E.Bartsch
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Mit dem Beginn der Industrialisierung folgte die bäuerliche Bevölkerung dem Ruf einer neuen Arbeitswelt. Die Feld­arbeit rückte in den Hintergrund, während Me­tall­-, Berg­- und Fabrikarbeit, Handwerk, Administration und Verkauf vermehrten Einsatz verlangten.

Die Möglichkeit der maschinellen Warenanfertigung bewirkte zwangsläufig eine fundamentale Neu­-Organisation, die sämtliche Lebensbereiche beeinflusste. „Technischer Fort­schritt“ hieß der neue Hoffnungsträger. Schon damals stellte die industrielle Produktion – auch, wenn sie sich zunächst noch teuer und umständlich gestaltete – in Aussicht, dass Ma­schinen den Menschen früher oder später ganz von der Notwendigkeit harter Arbeit erlösen wür­den. Eines schönen Tages würde Wohlstand möglich sein, ohne dass sich Menschen dafür kaputt arbeiten müssten.

Die Umstellung auf maschinelle Prozesse för­derte jedoch schon früh die naheliegenden Begleiterscheinungen zutage: Das Jahr 1910 brachte einen dramatischen Anstieg an Arbeits­losen mit sich. Die Suche nach Lösungen für die wachsenden sozialen Spannungen, die sich daraus ergaben, blieb ohne Erfolg. Ebendiese Problematik dürfte – freilich in Kombination mit anderen Faktoren – erheblich zur Bereitung des Nährbodens für die darauffolgenden beiden Weltkriege beigetragen haben.

Arbeitsplatz-Beschaffung

Nach Kriegsende gab es jede Menge Auf­- und Ausbauarbeit zu erledigen. Die nächsten Jahr­zehnte brachten die nötigen Aufschwungphasen für den lange ersehnten Wohlstand. Mit der Zeit wurden Konzepte nötig, die das Potential hatten, Wohlstand nicht nur zu schaffen, sondern ihn auf Dauer aufrechtzuerhalten. Ein funktionierender Wirtschaftskreislauf erforderte eine Bevölkerung, die es sich leisten konnte, sich daran zu be­teiligen.

Vor diesem Hintergrund wurde eine Politik der Arbeitsplatz­-Beschaffung betrieben, die einer mittlerweile durch­-industrialisierten Gesellschaft gerecht werden sollte. So ver­änderte sich der Fokus innerhalb der modernen Arbeitswelt sukzessive weg von der physischen Schwerstarbeit in Rohstoffbeschaffung und Gü­terproduktion, hin zum Modell der Dienstleistung als Alternative zur Arbeitslosigkeit.

Nunmehr standen auf dem Arbeitsmarkt kommunikative, administrative, kreative und/oder strategische Fertigkeiten hoch im Kurs – begleitet von der rasanten Entwicklung des Computers. Sein gewichtiger Einfluss auf immer mehr Ebenen des Lebens sowie die wachsende Abhängigkeit des Menschen von elektronischen Schaltzentra­len zeitigte immer schneller stattfindende Trend­wenden auf dem Arbeitsmarkt.

Industrie 4.0

Es war ein langer Weg von Wasser­- und Dampf­kraft, über Akkordarbeit am Fließband bis hin zur elektronischen Vernetzung, wie sie inzwischen für die lebenserhaltenden Strukturen einer mo­dernen Gesellschaft unverzichtbar geworden ist. Die volle Ausschöpfung der Dimensionen „Künstliche Intelligenz“ und „Industrie 4.0“, ihre Möglichkeiten wie auch ihre Bedeutung für unsere künftige Lebensrealität, sind als Vorstel­lung immer noch kaum fassbar.

In einem Punkt aber stimmen Fachleute weitestgehend überein:
Diese Größenordnung technischen Fortschritts ist nahezu gleichbedeutend mit einer groß ange­legten Ausrottung von Arbeitsplätzen. Der Ar­beitsbegriff, wie wir ihn bisher kannten, scheint damit obsolet zu werden.

Die Frage nach dem Sinn

Ob es angesichts ebendieser Entwicklungen Sinn der Sache ist, immer weiter Arbeitsplätze mit Beschäftigungstherapie­Charakter zu „erfin­den“, zu installieren und zu finanzieren, nur um Menschen „in Arbeit“ zu halten und sich das Märchen von der Vollbeschäftigung weiter er­zählen zu können, ist nur eine der vielen Fragen, die sich hier stellen. Grundlegende Sinnfragen verlangen nach einer Antwort: Verrichtet der Mensch von heute seine Arbeit wirklich noch, um sich oder der Gesellschaft einen notwendigen und wertvollen Dienst zu erweisen?

Trägt der durchschnittliche Arbeitnehmer dazu bei, dass lebensnotwendige Güter auf möglichst umwelt­verträgliche Weise, zum Wohl der Allgemeinheit und unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit produziert werden? Profitiert der Dienstleister immer noch davon, das Problem eines Kunden nachhaltig zu beheben bzw. dessen Bedürfnis­sen zu entsprechen?

Trägt derjenige, dessen Beruf einen ­ dem System verpflichteten bildenden oder erzieherischen Schwerpunkt auf­weist, wirklich dazu bei, geistige Horizonte zu er­weitern und die Mündigkeit des Individuums zu fördern? ­ Manche möchten das gerne so sehen. Andere haben ihre Zweifel.

Menschen können selbst unter den widrigsten Umständen unglaubliche Energiereserven auf­bringen, solange sie einen guten Grund dafür haben (oder zu haben glauben). Anhaltender Zeit­- und/oder Kraftaufwand jedoch, der zwangs­weise für eine Sache verlangt wird, in der man keinerlei Sinn oder Nutzen erkennen kann, ist ein ähnlich frustrierendes Szenario, wie bei­spielsweise das Wandern in einem Tunnel, von dem man nicht weiß, wann und ob er jemals en­det.

Dass ausgebrannte, depressive Menschen im­mer häufiger zu Dauergästen in Burnout­Kliniken werden, wobei in den allermeisten Fällen das Berufsleben als Begründung angegeben wird, ist tragisch. Depression und Zukunftsangst scheinen so etwas wie „Zivilisationskrankheiten“ geworden zu sein. Einige Betroffene verzweifeln vollends daran, den Großteil ihrer Lebenszeit in frustrierende Strukturen investieren zu müssen ­und sehen den Suizid als letzten Ausweg.

Mit welchem Recht werden solche Verhältnisse aufrechterhalten, wenn es dafür keinen guten Grund mehr gibt? Mit welchem Recht werden Menschen zum einen systematisch daran gehin­dert, zur Verfügung zu stellen, was sie anzu­bieten haben und gerne geben möchten, an­dererseits aber dazu gezwungen, den Großteil ihrer Lebenszeit für Beschäftigungen und Ab­hängigkeiten zu opfern, von denen weder sie selbst, noch die Allgemeinheit profitieren?

Ausbeutung um jeden Preis

Das extreme Beispiel, das im Folgenden ange­führt wird, spricht zwar – glücklicherweise – nicht für legale Verhältnisse hierzulande, macht aber deutlich, welchen Stellenwert Menschenleben im aktuellen Wirtschaftssystem – immer noch – haben: Man zieht es vor, dass sich Kinder in Entwicklungsländern unter ständiger Lebensge­fahr kaputt arbeiten, beispielsweise um „Seltene Erden“ zutage zu fördern, anstatt diese Arbeit durch Maschinen erledigen zu lassen, die nicht nur die menschlichen Verluste verhindern, son­dern auch die Arbeit effizienter erledigen könn­ten.

Von der Feldarbeit bis hin zum Küchendienst, von der Warenproduktion bis hin zur Büro­administration: Der Stand der Technik würde es längst erlauben, das erforderliche Ausmaß an menschlicher Arbeit drastisch zu reduzieren. Die nicht zu gewährleistende Finanzierung oder das angebliche Fehlen der Ausgereiftheit technischer Verfahren sind Ausreden, die das Weiterführen einer dysfunktionalen Machtstruktur rechtfertigen sollen.

Für die sinnlosesten Politkampagnen ste­hen Gelder und Mittel stets in schier unbegrenz­tem Ausmaß zur Verfügung. Für Überwachung, Krieg und Zerstörung existiert jede mögliche und unmögliche Gerätschaft oder künstliche Intelli­genz. Allein die Schaffung von Wohlstand und Frieden scheitert praktischerweise immer an der Finanzierbarkeit und dem nötigen Equipment.

Das bewusste Zurückhalten innovativer Tech­nologien, um obsolet gewordene Arbeitsverhält­nisse aufrecht erhalten zu können und damit zu verhindern, dass das Modell einer an Bedingun­gen geknüpften Grundversorgung hinterfragt werden muss, ist ­ streng genommen ­ eine Übergriffigkeit sondergleichen. Daher kann diese Art der Arbeitsplatzbeschaffung aus Sicht der Grundeinkommensbewegung nur als „asozial“ eingestuft werden.

Sie stellt einen mutwilligen Diebstahl an Lebenszeit und ­-qualität dar. Und der betrifft nicht nur das „Fußvolk“, das von einem gigantischen Verwaltungsapparat in Arbeitsverhältnissen gehalten wird, die nicht mehr zeitgerecht sind, sondern ebenso die ausführenden Organe höchstselbst.

Bewusstsein Grundeinkommen

Die hier abgebildete – und zugegebenermaßen einseitige – Darstellung von Arbeitsverhältnissen trifft freilich nicht auf „jede/n“ Arbeitnehmer/in zu. Natürlich gibt es sie auch heute noch – jene Menschen, für die ihr Beruf eine erfüllende und sinnstiftende Erfahrung ist. Solche, die es auf keinen Fall missen möchten, ihrem Leben in Form von Lohnarbeit (ihre Vorstellung von) Inhalt und Bedeutung zu verleihen. Ebenso wie es Berufe gibt, die tatsächlich wichtige und un­verzichtbare Dienste an der Allgemeinheit darstellen.

Ziel der hier aufgeführten Überlegungen ist es daher nicht, „Arbeit“ per se schlechtzu­reden, ihren Wert zu leugnen oder Menschen, die stolz auf ihren Beruf sind und ihn auch gerne ausüben, herabzuwürdigen. Das Grund­einkommens-Bewusstsein zielt naturgemäß nie auf Herabwürdigung ab, sondern ist darauf ausgerichtet, jedem Menschen und jedem Lebe­wesen seine Würde zuzugestehen. Das bedeu­tet aber auch, dass jede/r die freie Entscheidung darüber haben muss, auf welche Weise er oder sie der Gemeinschaft dienen möchte.

Die Einführung eines bedingungslosen Grund­einkommens würde nicht verhindern, dass es Arbeitsplätze, Karrierechancen und höhere Ver­dienstmöglichkeiten gibt. Es würde schlicht ge­währleisten, dass ein „mehr“ an Wohlstand ausnahmslos durch eigenes Engagement, eige­ne Ideen, eigene Überzeugungskraft – niemals aber durch das künstliche Erzeugen oder Aus­nutzen von Zwangslagen – errungen werden kann. Es würde bedeuten, dass jeder erwach­sene Mensch und jedes Kind in seiner Existenz gesichert ist, unabhängig davon, wozu andere ihn oder sie gerne drängen würden.

Und doch: Obwohl die herrschende Förderpolitik (= das unverhältnismäßige Fördern Einzelner bei gleichzeitigem Aushungern Anderer mit den­ selben oder besseren Voraussetzungen) eine bedeutend ungerechtere Verteilung staatlicher Gelder darstellt, wird dies kaum ernsthaft als Missstand thematisiert. Spricht aber jemand vom Grundeinkommen, das ausnahmslos jedem Bür­ger und jeder Bürgerin zugutekäme, gibt es sofort einen Aufschrei und jede Menge Un­gerechtigkeitsgefühle.

Ein Leben in Würde

Wir, die wir uns entschieden für das Be­dingungslose Grundeinkommen aussprechen, arbeiten unermüdlich und aus Überzeugung an der Verwirklichung des nächsten Schritts in Richtung soziale Gerechtigkeit. Unsere Vision ist eine friedliche Welt, in der alle Menschen diesel­ben Chancen haben – wobei Chancengleichheit nach unserer Auffassung keinesfalls „Gleichma­cherei“ bedeutet.

Ebensowenig verstehen wir unter diesem Begriff verkappte Zwänge, die sich als „Rechte“ im Grunde nur „tarnen“. Wir sehen unsere Mission erst dann erfüllt, wenn kein Kind auf dieser Welt je wieder systembedingt in verschuldete, maro­de Verhältnisse hineingeboren wird, aus denen es sich sein Leben lang nicht wird befreien kön­nen. Wir geben uns erst dann zufrieden, wenn kein Mensch mehr ohne eigenes Verschulden mit Existenzsorgen aufwächst.

Wir sind der An­sicht, dass freie und glückliche Menschen ein größerer Gewinn für eine Gesellschaft sind, als solche, die das Gefühl haben, dass ihr Leben „verheizt“ wird.

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